Bandscheibenvorfall LWS

Bandscheibenvorfall LWS

Krankheitsbilder der Wirbelsäule, die durch Abnutzung entstanden sind, nennt man degenerative Erkrankungen.

Die Wirbelsäule durchläuft mit ihren strukturellen Elementen, den Wirbelkörpern, Bandscheiben und ihrem Bandapparat einen physiologischen Alterungsprozess. Durch Bewegungsmangel, Übergewicht, schlechte Körperhaltung und schwere körperliche Belastung kann der Alterungsprozess beschleunigt werden. Der größte Teil der Rückenschmerzen wird durch degenerative Bandscheibenleiden (Bandscheibenvorfall, Bandscheibenprolaps, Bandscheibenprotrusion) verursacht.

Drückt ein Bandscheibenvorfall auf Nervenwurzeln, die im Bereich der Lendenwirbelsäule aus dem Nervenkanal der Wirbelsäule heraustreten, löst dies zunächst Schmerzen aus. Diese werden oft als andauernd, stechend und sich bei Bewegung verstärkend beschrieben („Ischiasschmerz“).

Im Bereich der Halswirbelsäule treten bei einem Bandscheibenvorfall zudem Nackenschmerzen auf und ausstrahlende Schmerzen in den Arm. Bei rund 70 bis 90 Prozent der Patienten bessern sich die Beschwerden von selbst deutlich, oder durch eine konservative Therapie. Bei manchen Betroffenen verschwinden die Symptome nach einigen Wochen sogar vollständig.

Neben Schmerzen kann es auch zu einem Ausfall von Nervenfunktionen kommen. Dies äußert sich in Form eines Taubheitsgefühls oder Kribbelns. Kommt es sogar zu einem Ausfall der motorischen Funktion durch den Druck des Bandscheibenvorfalls auf die Nervenwurzel entwickeln sich Lähmungserscheinungen, die sich meist nicht von alleine wieder bessern.

Da es 23 Bandscheiben in der menschlichen Wirbelsäule gibt, ist die Position der betroffenen Region maßgeblich für die möglichen Folgen. Aber auch der Grad der Beschädigung und die Ausprägung des Bandscheibenvorfalls selbst spielt eine wichtige Rolle.

MRT der Lendenwirbelsaeule axial
Am häufigsten (in zirka 90 Prozent der Fälle) tritt ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS) auf (lumbaler Bandscheibenvorfall, Bandscheibenvorfall der LWS). Deutlich seltener (in etwa zehn Prozent der Fälle)  kommt es an der Halswirbelsäule (HWS) zu einem Bandscheibenvorfall (zervikaler Bandscheibenvorfall, Bandscheibenvorfall der HWS). Das Erkrankungsalter liegt meistens zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr. Eine operative Behandlung ist dann erforderlich wenn starke Schmerzen bestehen, die nicht auf die konservative Behandlung zu bessern sind oder gar neurologische Ausfallserscheinungen auftreten. Bei bestimmten Ausfallserscheinungen wie z.B. Blasenentleerungsstörungen oder einer Beeinträchtigung des Stehens und Gehens ist eine umgehende operative Behandlung erforderlich.

Synonym

Bandscheibenvorfall (lateinisch Prolapsus nuclei pulposi, Discushernie, Discusprolaps, Bandscheibenprolaps, Bandscheibenherniation, Bandscheibenextrusion, Bandscheibensequester)

Definition

Unter einem Bandscheibenvorfall versteht man die meist akute Verschiebung von Bandscheibenmaterial aus dem Kern der Bandscheibe (Nucleus pulposus) in den Spinalkanal der Wirbelsäule. Es kommt zu einem Einriß des Anulus fibrosus, der die Bandscheibe umgibt; dies kann durch eine plötzliche Druckerhöhung im Bandscheibenfach (z.B. Verhebetrauma; siehe Ursachen) geschehen. Durch den Defekt tritt dann Material aus dem Kern der Bandscheibe in den Wirbelkanal über und kann hier zu einem Druck (Kompression) der Nervenfasern führen. Typisch ist für einen Bandscheibenvorfall der ausstrahlende heftige Schmerz ins Bein (fast immer einseitig), welcher gerade durch die Kompression der Nervenwurzel durch das Bandscheibengewebe entsteht.

Die Ursachen für einen Bandscheibenvorfall sind vielfältig, meist geht aber eine eine Überlastung der Bandscheibe voraus auch bei Vorschädigung der Bandscheiben. Ein Bandscheibenvorfall kann aber auch ohne besonderen äußeren Anlass auftreten.

MRT der Lendenwirbelsaeule seitlich

Die Diagnose eines Bandscheibenvorfalls wird zunächst durch die klinische Untersuchung des Arztes gestellt, hierbei gibt es bestimmte Schlüsselsymptome, die einen Bandscheibenvorfall vermuten lassen.

Letztendlich Gewissheit gibt die Bildgebung (CT oder MRT) der Wirbelsäule, ob ein Bandscheibenvorfall vorliegt und an welcher Stelle der Bandscheibenvorfall auf eine Nervenwurzel drückt (siehe Diagnostik Bandscheibenvorfall).

Die Behandlung eines Bandscheibenvorfall ist häufig konservativ möglich mit medikamentöser und physiotherapeutischer Therapie (siehe Therapie Bandscheibenvorfall). Bei starken Schmerzen oder gar neurologischen Ausfallserscheinungen (Lähmungen, Kraftverlust, Blasenstörungen) ist eine operative Therapie oft zwingend erforderlich.

Epidemiologie

Laut einer Erhebung in einer Studie von Mayer und Siems aus dem Jahre 2011 ergeben sich folgende epidemiologische Daten für den Bandscheibenvorfall:

„Bandscheibenvorfälle treten am häufigsten im Bereich der LWS auf (Inzidenz in Deutschland von 150/100.000 Menschen und Jahr), gefolgt von Bandscheibenvorfällen im Bereich der HWS; Vorfälle im BWS-Bereich sind selten. Ob operative Maßnahmen im Einzelfall erforderlich sind, bleibt umstritten: Es gibt Einschätzungen, wonach über 80% der Bandscheibenoperationen überflüssig sein sollen und vermieden werden könnten. Hier wird allgemein die „strenge Indikationsstellung“ im Sinne des Clinical Reasoning für sinnvoll gehalten.

Inzidenz von Bandscheiben-OPs in Deutschland ca.60/100.000 und Jahr, d.h. ca. 50.000 durchgeführte OPs/Jahr. Die Anzahl an Operationen pro 100.000 Bandscheibenvorfälle beträgt in GB 100, in Schweden 200, in Finnland 350, in den USA 450-900. Mehr als 95% betreffen das Segment L4/L5, der Altersdurchschnitt beträgt 40-45 Jahre, das Verhältnis Männer zu Frauen ist 2:1. In Deutschland haben statistisch gesehen zurzeit 27-40% der Menschen Rückenschmerzen. Etwa 70% haben die Schmerzen mindestens einmal im Jahr und etwa 80% klagen mindestens einmal im Leben über Rückenschmerzen.“

Quelle: Mayer C. und Siems W.
100 Krankheitsbilder in der Physiotherapie, Spinger Verlag, 2011

„Bei einer Bevölkerungsstudie in Finnland an  8000 Personen wurde bei  5.1% der Männer und  3.7% der Frauen die Diagnose eines lumbalen Bandscheibenleidens gestellt, von denen die Hälfte medizinischer Behandlung bedurfte. Unterschiedliche Untersuchungen gehen von einer Häufigkeit von Ischialgien  (ins Bein ziehenden Schmerzen) von zwischen 1% und 40% der US Bevölkerung aus. Wobei bei etwa 4% bis 6% der US Bevölkerung mit einer klinisch signifikanten Lumboischialgie (vom Kreuz ins Bein ziehenden Schmerzen) zu rechnen ist. Unspezifische Rückenleiden wie auch Bandscheibenleiden führen nicht selten zu erheblichen Beeinträchtigungen und verursachen erhebliche Behandlungskosten und nicht selten auch Invalidität.  Bisher wurden einige Risikofaktoren für die Entstehung von Bandscheibenschäden gesichert, unter anderem berufsmäßiges Autofahren, häufige Drehbewegungen, Rauchen und Körpergröße. Körperlich schwere Arbeit mit statischer Arbeitsposition, häufigem Bücken, und Drehen, häufigem schwerem heben, und Vibrationen können Rückenschmerzen begünstigen. Menschen, die fast nie mit ihrer Arbeit zufrieden sind, berichten 2,5x häufiger Rückenschmerzen als diejenigen denen ihre Arbeit meistens Spaß macht.“

Quelle: http://www.neuro24.de/ruckenschmerz.htm
Literatur: Spine. 1991 Jan;16(1):1-6., Studie mit über 3000 Angestellten einer Fluglinie mit Beobachtung über 4 Jahre

Bandscheibenvorfall und berufliche Tätigkeit

Berufskrankheit Rückenschmerzen:

Bandscheibenbedingte Berufskrankheiten seit 1993 in die Berufskrankheiten- Liste Unterteilung in:

BeK 2108: Bandscheibenbedingte Erkrankungen der LWS durch langjähriges Heben oder Tragen schwerer Lasten oder durch langjährige Tätigkeit in extremer Rumpfbeugehaltung, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten geführt haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können. Tätigkeit im Bergbau, Be- und Entladearbeiten, Kraftfahrzeughandwerker, Maurer, Montagearbeiter, Stahlbetonbauer, Fischer, Lastenträger, Fußbodenreiniger, Pflegeberufe, Stein- und Plattenleger, Gartenbauer, Krankenpfleger

BeK 2109: Bandscheibenbedingte Erkrankungen der HWS durch langjähriges Tragen schwerer Lasten auf der Schulter, z.B.: Fleischträger, häufige Überkopf- Arbeiten (Monteure, Maler, Anstreicher)

BeK 2110: Bandscheibenbedingte Erkrankungen der LWS durch langjährige, vorwiegend vertikale Einwirkung von Ganzkörperschwingungen im Sitzen,… (s. o.). Tätigkeiten mit Hubschrauber, Rasenhobel, Bodenhobel, Erdhobel (Grader), Baustellen-LKW, Schürfwagen (Grader), Land- und forstwirtschaftliche Schlepper, Muldenkipper, Forstmaschinen im Gelände, Rad- und Kettenlader, Bagger (Roll- und Kettengeräte), Radlader/Planierraupen

Voraussetzungen für die Anerkennung als Berufskrankheit:

Mindestarbeitszeit von in der Regel 10 Jahren in einer wirbelsäulenbelastenden beruflichen Tätigkeit. Schwere Lasten müssen in einer gewissen Regelmäßigkeit und Häufigkeit in der überwiegenden Zahl der Arbeitsschichten gehoben oder getragen worden sein

Anamnestischer, klinischer und röntgenologischer Nachweis eines Wirbelsäulenschadens im LWS- bzw. HWS-Bereich, der mit Wahrscheinlichkeit auf berufliche Belastung zurückzuführen ist. Die Zahl der Anerkennung von Rückenschmerzen bzw. Bandscheibenbedingten Erkrankungen der LWS als Berufskrankheiten ist bisher trotz der hohen Zahl der Antragsteller gering

Differenzialdiagnosen

Schmerzen die den Rücken betreffen und /oder ins Bein ausstrahlen, können viele Ursachen haben. Für 90% aller Rückenschmerzen findet sich keine spezielle Ursache. Wenn man eine Ursache findet, muss es nicht an der Wirbelsäule liegen, auch Systemerkrankungen, Sepsis, oder Metastasen können Rückenschmerzen verursachen. Etwa 1% der Menschen, die wegen Rückenschmerzen zum Arzt gehen haben eine Krebserkrankung (multiples Myelom, Lymphome, Metastasen, und sehr selten primäre Knochentumore. 4% leiden an einer Kompressionsfraktur, und 1-3% haben einen Bandscheibenvorfall, der per se nicht immer die Ursache der Schmerzen sein muss. Erst die gründliche Untersuchung klärt ob die Zuordnung zur Ursache richtig ist. 

Andere mechanische Ursachen können muskuläre Verspannungen, Bänderdehnungen, Abnutzung der Wirbelgelenke, M. Bechterew, oder eine rheumatoide Arthritis sein. Auch Infektionen wie bakterielle Osteomyelitis, Tuberkulose, epiduraler Abszess, oder Brucellose kommen vor. Knochenkrankheiten wie Osteoporose Osteomalazie, und M. Paget kommen ebenfalls vor. Gynäkologische, neurologische oder Gefäßkrankheiten oder Nierenkrankheiten und psychische Störungen können ebenfalls Rückenschmerzen verursachen. Auch für den Anteil, der von der Bandscheibe ausgeht (1-3%) gilt: Lumbale (von der Lendenwirbelsäule ausgehende) Bandscheibenleiden gehören zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen weltweit überhaupt.

Bandscheibenvorfall Lendenwirbelsäule (LWS)

Die Bandscheibenvorfälle an der Lendenwirbelsäule sind mit großem Abstand die häufigsten Bandscheibenvorfälle an der Wirbelsäule überhaupt. Sie kommen überwiegend zwischen den Wirbeln LWK (Lendenwirbelkörper) 4/5 und LWK 5/SWK 1 (Sakralwirbelkörper) vor, also an der vorletzten und letzten Bandscheibe. Je nach Lokalisation des Vorfalles treten Schmerzen an der Beinvorder- /aussen- /oder Beinhinterseite auf. Diese Beinschmerzen sind das führende Symptom, Rückenschmerzen stehen weit im Hintergrund oder fehlen vollständig. Bandscheibenvorfälle sind fast immer Folge von degenerativen Veränderungen und so gut wie nie Folge eines Traumas.

Im Laufe des Lebens kommt es, früher oder später, zu kleineren Einrissen in den Faserring der Bandscheiben. Diese Einrisse sind vorwiegend im hinteren Abschnitt des Faserringes, da dort kleine Narben und Schwachstellen von der ehemaligen Gefäßversorgung der Bandscheibe zurückbleiben. Diese Einrisse führen zu einer Verlagerung des unter Druck stehenden Nucleus pulposus, was wiederum die Einrisse vergrößern kann. Meistens kommt es zu einer Selbstheilung. Wandert aber der weiche Kern durch diese Einrisse nach außen, entsteht eine Bandscheibenprotrusion, eine Vorwölbung.Tritt der weiche Kern, der Nucleus pulposus, durch den Faserring , wird dies als Bandscheibenprolaps (Nucleus-pulposus-Prolaps) bezeichnet. Ein sequestrierter Bandscheibenvorfall entsteht, wenn der weiche Kern der Bandscheibe nicht nur vorfällt, sondern, sich dieser Vorfall ganz von der Bandscheibe löst. Eine feste Verbindung zwischen der Bandscheibe und dem abgescherten Gewebe besteht somit nicht mehr.

Sofern die Schmerzen erträglich sind oder mit Schmerzmedikamenten gut einzustellen sind und ein neurologisch unauffälliger Befund vorliegt (also weder Lähmungen oder Gefühlsstörungen in den Beinen, noch Blasen- und Darrmentleerungsstörungen bestehen), kann zunächst konservativ behandelt werden. Hierfür stehen uns die Möglichkeiten wie krankengymnastische Übungsbehandlung, lokale Wärme, CT-gesteuerte Schmerztherapie (Injektionen), Infusionen und die Einnahme von entzündungshemmenden Medikamenten zur Verfügung.

Sollten die Schmerzen nach angemessener Zeit, ca. 4-6 Wochen, jedoch nicht entscheidend nachlassen, oder aber neurologische Ausfälle bestehen bzw. hinzukommen, ist eine entsprechende Untersuchung wie CT oder Kemspintomogramm der Lendenwirbelsäule indiziert. Als bildgebende Diagnostik ist ein Kemspintomogramm in aller Regel vorzuziehen und letztendlich aussagekräftiger.

Bei entsprechendem Leidensdruck und bei entsprechendem Befund im Kemspintomogramm sollte eine Operation erfolgen, auch wenn keine neurologischen Ausfälle vorliegen.
Die Erfolgschance, danach schmerzfrei zu sein oder zumindest eine entscheidende Linderung zu erzielen, liegen bei etwa 80-90%. Die Wahrscheinlichkeit, einen erneuten Bandscheibenvorfall an gleicher Stelle zu erleiden, liegt bei ca.5% (Rezidivbandscheibenvorfall, Rezidiv, erneuter Bandscheibenvorfall).

Bandscheibenvorfall Lendenwirbelsäule (LWS)

Bandscheibenvorfälle der Halswirbelsäule treten seltener auf als Bandscheibenvorfälle an der Lendenwirbelsäule. Anders als im Bereich der Lendenwirbelsäule liegt in der Halswirbelsäule direkt hinter den Bandscheiben das Rückenmark (Myelon). Bei einem Problem mit der Halswirbelsäule sind Schmerzen in erster Linie im Nacken, in den Schultern und im Hinterkopf zu spüren. Weil in diesem Bereich der Wirbelsäule die Nervenwurzeln für die Arme liegen, strahlen die Schmerzen häufig auch bis in die Arme entlang der betreffenden und komprimierten Nervenwurzel.. Viele Patienten neigen dazu, aufgrund der Beschwerden eine Schonhaltung einzunehmen, welche den Hals zusätzlich versteift.

Auch Gefühlsstörungen und ein unangenehmes Kribbeln oder Taubheit in Händen und Armen können bei einem Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule auftreten. Einige Betroffene spüren die Auswirkungen sogar in den Beinen. Ein Druck auf das Rückenmark muss nicht unbedingt starke Schmerzen verursachen. 

Dennoch können durch die Schädigung der Nervenfasern langsam fortschreitende Störungen mit Gehproblemen und spastischen Muskelverkrampfungen entstehen – die Myelopathie. Bei entsprechenden Symptomen erfolgt die Durchführung einer Bildgebung, am besten eine Kernspintomographie (MRT). Auch ein CT kann zunächst ausreichend sein, um gröbere Veränderungen anzuzeigen.

Entscheidend für die Behandlung ist bei nachgewiesenem Bandscheibenvorfall, dass die geklagten Symptome mit der betreffenden Höhe in der Halswirbelsäule übereinstimmen. Häufig sind Bandscheibenvorfälle in den Höhen HWK 5/6 und 6/7. Falls keine neurologischen Ausfälle bestehen, die Schmerzen nicht extrem sind und die Größe des Bandscheibenvorfalls nicht zu einem umgehenden Handeln zwingt, kann eine konservative Therapie versucht werden. Diese beinhaltet eine medikamentöse Behandlung mit entzündungshemmenden Mitteln (nicht steroidale Antiphlogisitka) in Kombination mit leichter Physiotherapie und/oder Heissluftbehandlung. Auch eine CT-gesteuerte Schmerztherapie kann versucht werden, auch an der HWS.

Bei länger bestehenden Schmerzen (4-6 Wochen), neurologischen Ausfallserscheinungen und einem entsprechendem hohen Leidensdruck des betroffenen Patienten sollte eine operative Behandlung erfolgen. Diese ist über zwei mögliche Zugangswege durchführbar. Entweder über einen vorderen (ventralen) Zugang – die ventrale Diskektomie mit Einbau eines Platzhalters (Cage, aus Kunststoff mit Titanverstärkung) anstelle der entfernten Bandscheibe, oder über einen hinteren (dorsalen) Zugang – der dorsalen Foraminotomie (Operation nach Frykholm).

Auch hier ist die Erfolgschance, danach schmerzfrei zu sein oder zumindest eine entscheidende Linderung zu erzielen, bei etwa 80-90%. Ein erneuter Vorfall in der operierten Höhe, falls von vorne (ventral) operiert wurde, kann bei kompletter Entfernung der Bandscheibe (operationsbedingt) nicht auftreten.

Bandscheibenvorfall - Therapie

Bandscheibenvorfall LWS
Konservative Behandlung

Grundsätzlich ist der konservativen Behandlung der Vorzug vor einer Operation zu geben. Der Verbrauch und der Niedergang der Bandscheibe im Laufe des Lebens ist ein völlig normaler Vorgang des Alterns. Man schätzt, dass etwa 80% aller Bandscheibenvorfälle der Lendenwirbelsäule, die dem Patienten Schmerzen und Kummer bringen, nicht operiert werden müssen.

Bei einem akuten Ereignis ohne neurologischen Ausfallerscheinungen ist zunächst Ruhe mit oder ohne medikamentöse Unterstützung – je nach Grad der Beschwerden – sinnvoll. Wenn unter dieser Behandlung keine ausreichende Besserung erreicht wird oder die Beschwerden und andere Symptome zunehmen, ist eine hausärztliche Abklärung durch entsprechende Untersuchungen erforderlich.

Für jeden Patienten muss ein individuelles Therapiekonzept entwickelt werden. Grundlage der konservativen Therapie im akuten Stadium ist die körperliche Schonung. Eine absolute Bettruhe ist nicht immer unbedingt notwendig. Eine wirbelsäulengerechte, entlastende Lagerung ist nützlich (Seitenlage mit angezogenen Beinen oder Rückenlage im Stufenbett). Auf jeden Fall ist die Lage zu empfehlen, in der sich der Patient am wohlsten und schmerzfreiesten fühlt.

Eine Streckbehandlung kann in der Hand des erfahrenen Therapeuten nützlich sein. Durch dosiertes Strecken wird lediglich eine Entlastung der Bandscheibe erreicht. Vor Durchführung einer solchen Behandlung ist jedoch unbedingt die diagnostische Abklärung zu empfehlen. Bei einem sehr großen Bandscheibenvorfall kann durch die Streckbehandlung die ganze Bandscheibe aus dem Wirbelzwischenraum austreten und schwere Ausfälle verursachen. Die allgemeine Hoffnung, eine Rückführung des vorgefallenen Bandscheibengewebes durch Strecken sei möglich, ist nicht realistisch. Bei entsprechender Ruhe kann durch das Strecken mittelfristig eine vorübergehende Entlastung der Bandscheibe erreicht werden. Es kann lediglich weiteres Herausrutschen des Bandscheibenkerns aus dem Wirbelzwischenraum verhindert werden.

Lokale Wärmeanwendung (warmes Bad, Wärmflasche, Rotlicht) ist empfehlenswert. Hierdurch wird eine entspannende Wirkung für die Rückenmuskulatur erreicht. Nach Besserung der akuten Situation kann durch weitere Wärmeanwendungen wie Fangopackungen, Kurzwellenbestrahlung etc. weiter behandelt werden. Eine Massagebehandlung wird oft in der akuten Phase, aber auch später, nicht gut vertragen.

Bei einem Bandscheibenvorfall werden durch Zerreißung des Gewebes Botenstoffe aus den Wundrändern freigesetzt. Diese aktivieren über die Blutbahn das Schmerzzentrum. Es kommt zu einem lokalen, tiefsitzenden, dumpfen Schmerz, der oft mit dem Gefühl in zwei Teile geteilt zu sein, beschrieben wird.

Die dadurch entstandene Muskelverspannung verursacht wiederum durch Überbelastung der Muskeln eine Zunahme der Schmerzen.Das Ziel der konservativen Therapie ist den Teufelskreis Schmerz -> Muskelverspannung -> Schmerz zu unterbrechen.

Neben der körperlichen Schonung ist das Ziel einer optimalen medikamentösen Behandlung den Schmerz und die Muskelverspannung zu bekämpfen. Die Medikamente können in Form von Tabletten, Zäpfchen oder Schmerzinfusion verabreicht werden. Es sind schmerz- und reizhemmende sowie muskelentspannende, hochpotente Medikamente mit oft erheblichen Nebenwirkungen, die vom Arzt individuell dosiert und kontrolliert werden müssen.

Operative Maßnahmen

Grundsätzliche Überlegungen
Die Indikation zur operativen Behandlung ist relativ. Man sagt, dass ca. 80% aller Bandscheibenvorfälle nicht oder nie operiert werden müssen.

Davon ausgehend muss über jede Operationsindikation individuell von Fall zu Fall neu diskutiert und unter Berücksichtigung der menschlichen, medizinischen, sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten entschieden werden.

Ein Bandscheibenvorfall oder Sequester wird sich nicht in Luft auflösen. Knorpelgewebe (Bandscheibe) ist ein bradytrophes Gewebe. Die Ernährung erfolgt nicht direkt über eigene Blutgefäße, sondern durch Diffusion der Nährstoffe über Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper. Bei dem vorgefallenen Bandscheibenanteil ist die ohnehin herabgesetzte Ernährung durch das Vorfallen des Gewebes zusätzlich sehr stark reduziert. Manchmal handelt es sich um abgestorbenes Gewebe, das dann bei entsprechend langer Dauer austrocknen und schrumpfen kann.

Hierdurch wird der Sequester manchmal kleiner und somit der Druck auf die Nerven weniger. Der Schmerz lässt nach und der geschädigte Nerv kann sich erholen. So gesehen könnte man theoretisch davon ausgehen, dass nahezu jeder Bandscheibenvorfall durch entsprechend lange Ruhephasen und Medikamentengabe kuriert werden kann.

Dies ist jedoch leider manchmal nicht der Fall. Wenn es sich um einen kleinen Sequester mit relativ gutem Wassergehalt handelt, kann das nachträgliche Schrumpfen des vorgefallenen Gewebes möglich sein.

Achtung ! Bei großen Vorfällen und ungünstigen lokalen Verhältnissen (enger Spinalkanal, intraforaminäre Dislokation), mehreren Sequestern mit stark degeneriertem, wenig wasserhaltigem Gewebe ist eine Druckentlastung durch Austrocknung oft nicht zu erreichen. So kann es sein, dass nach langer konservativer Therapie die Operation doch unumgänglich wird. Manchmal geht durch eine aussichtslose oder unnötig lange konservative Therapie viel Zeit verloren. Es können so für den Patienten medizinische (chronische Schmerzen, bleibende Ausfälle), wirtschaftliche und soziale Nachteile entstehen.

Kann es denn falsch sein, im Falle eines Bandscheibenvorfalls eine zweite Meinung zum bestehenden Therapiekonzept anzustreben?

  • Die Operation ist in der Hand des geübten Wirbelsäulenchirurgen eine sichere Behandlungsmethode. Der chirurgische Grundsatz – soviel wie nötig, sowenig wie möglich – ist hier im besonderen Maße gültig. Durch die modernen minimal-invasiven Operationsmethoden ist das Operationsrisiko minimiert und die Heilungsdauer maximal verkürzt. Der Patienten sollte ausführlich darüber beraten werden, dass durch die Operation nicht die Ursache der Erkrankung (die degenerative Veränderung der Wirbelsäule), sondern die Folge der Erkrankung (Schmerz und Nervenkompression) behandelt wird.
  • Durch die Operation wird das herausgedrückte Bandscheibenstück und falls erforderlich, weitere degenerierte und zerrissene Knorpelstücke aus dem Bandscheibenraum entfernt. Eine Druckentlastung für die Nerven wird erreicht und durch die Entfernung der Gewebstrümmer beschleunigt sich der Heilungsprozess.
  • Die Operation ist nur ein wichtiger Baustein der Behandlung. Die postoperative Behandlung ist der langwierigere Teil, der sehr viel Mitarbeit und Mitverantwortung der Patienten erfordert und unter Umständen sehr kostenintensiv sein kann.
  • Das Ziel der Operation ist eine schnelle Linderung der Schmerzen, Vermeidung und/oder Rückbildung der neurologischen Ausfälle, Beschleunigung der Heilung, Erhaltung und/oder Wiederherstellung der Lebensgewohnheiten und der Arbeitsfähigkeit.

Kriterien zur OP

Die Notwendigkeit einer Operation bei einem Bandscheibenvorfall ist immer relativ.

Innerhalb dieser Relativität sind aber die folgenden Kriterien für eine Operationsindikation bei lumbalem Bandscheibenvorfall gültig:

  • Eine Notoperation bei Bandscheibenvorfällen mit akut aufgetretenem Caudasyndrom mit Blasen- Mastdarmstörung.
  • Ein Bandscheibenvorfall mit deutlichen neurologischen Ausfallerscheinungen.
  • Therapieresistente Schmerzen.
  • Trotz langer konservativer Behandlung immer wieder rezidivierende Beschwerden und Symptomatik.
  • Wenn nach einer akuten Schmerzphase die Schmerzen aufhören und gleichzeitig Lähmungen auftreten(Wurzeltod).
  • Hohes Lebensalter und internistische Erkrankungen sind heutzutage bei den hochentwickelten Operations- und Narkosetechniken keine absolute Kontraindikation mehr. Wenn internistische Erkrankungen wie Herz- Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen ein erhöhtes Risiko darstellen, ist die Operationsindikation noch vorsichtiger zu stellen.

Operative Technik

Minimal-invasive mikroskopische Operation

Bei einer Bandscheibenoperation handelt es sich nicht nur um einen Eingriff an der Wirbelsäule, sondern hauptsächlich um eine Operation am Nerven. Es ist unerlässlich diese Operation unter einem Operationsmikroskop durchzuführen. Dadurch ist die Traumatisierung der Gewebe auf dem Weg zum Bandscheibenvorfall minimal (ca. 2-4 cm langer Hautschnitt, Ablösung der Rückenmuskulatur von der Wirbelsäule in entsprechend kleiner Ausdehnung).

Das moderne Operationsmikroskop ermöglicht eine stufenlose Vergrößerung bei optimaler Ausleuchtung. Übersicht, Schutz und Schonung der wichtigen Nervenstrukturen sind gewährleistet. Ein Verfahren, das bei jedem operativen Eingriff an der Wirbelsäule den Mindeststandard darstellen sollte.

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